Kann man billige Ladegeräte bedenkenlos verwenden?

34 Technik Ladekabel Sicherheit

Ob in Foren oder auf Ebay: Recht preisgünstige, mobile Ladegeräte fernöstlicher Hersteller werden oft als gleichwertiger Ersatz für eine fest installierte Ladestation empfohlen. Ich sehe das etwas anders: Für den Preis kann man kein Produkt herstellen, was in Sachen Sicherheit den notwendigen Standard erfüllt. Ein Beispiel zeigt, was ich damit meine.

“Morec EV Charging Cable”

Werbebild des Herstellers

Oft empfohlen wird der oben abgebildete Morec Ladeziegel: Für etwa 250 Euro verspricht es das Laden eines Typ 2-Fahrzeugs mit 10 oder 16 Ampere. Auf den ersten Blick toll, denn die meisten Ladeziegel “schaffen” keine 16 Ampere (dazu später mehr). Morec ist dabei nicht der Hersteller, sondern nur ein Handelsname: Das Ladegerät wird vermutlich von EG Electronics unter der Produktnummer EG-PCD020 (S. 4 im PDF) hergestellt. Die Elektronik im Ladekabel ist eine Seelop Typ SLAC16103.

Spekulation mag ich aber nicht, daher habe ich einen Händler angeschrieben und um eine Kopie der CE-Konformitätserklärung gebeten. Die Antwort: “Haben wir nicht”, was ich recht erstaunlich finde. Aus der E-mail:

[..] Ich würde Ihnen empfehlen, am besten gleich direkt beim Hersteller unter der E-Mail-Adresse morecinfo@163.com nachzufragen.

Ein Händler

Gesagt, getan. Die Antwort kam recht schnell:

Due to our company’s regulations, we cannot send you a certificate without purchasing. You can buy a sample on Amazon first, and we will send you a certificate immediately. If you don’t need this sample, you can return it directly from Amazon without any loss.

morecinfo@163.com

Das finde ich, nun ja, sagen wir einmal: etwas befremdlich. Aber Morec ist ja nicht die einzige Quelle für diesen Typ eines Ladeziegels. Die Besen Group bietet den Ladeziegel auch an. Also flugs angeschrieben und nach einem kurzen Mailwechsel auch tatsächlich diese CE-Konformitätserklärung (PDF) zugesandt bekommen.

Mal abgesehen davon, das sich die CE-Konformitätserklärung anscheinend auf ein anderes Produkt (BS20, eine fest installierte Wallbox laut dem Produktkatalog) bezieht: Das Zertifikat bezieht sich nur auf die elektromagnetische Verträglichkeit (IEC 61851-21-2:2017) und nicht auf die eigentlich anzuwendende IEC 62752 für mobile Ladegeräte. Der Hersteller auf dem Zertifikat ist nun die “Nanjing SHENQI Electronic Technology Co., Ltd.".

Ich fasse zusammen:

  1. Es ist nicht klar, wer der Hersteller des Gerätes ist.
  2. Ebenso unklar ist, ob die präsentierte CE-Konformitätserklärung überhaupt zum Ladekabel gehört.
  3. Die CE-Konformitätserklärung bezieht sich ausschließlich auf die elektromagnetische Verträglichkeit, aber nicht auf die Betriebssicherheit des Produkts.

Unterm Strich ist das aber alles nicht relevant. Die Norm für mobile Wallboxen kann gar nicht erfüllt werden, denn der Ladeziegel kann offensichtlich 16 Ampere abgeben. Die Dauerbelastbarkeit einer Schuko-Steckdose liegt aber bei 13 Ampere. Der Ladeziegel überlastet also die Schukosteckdose, mit brandgefährlichen Konsequenzen.

Geschmolzene Steckdose

Das perfide dabei: Eine Schukosteckdose macht sowas eine gewisse Zeit lang mit. Sie erwärmt sich, die Kontaktwiderstände erhöhen sich, und irgendwann entsteht so viel Wärme das die Steckdose schmilz. Im schlimmsten Fall verursacht so etwas einen Hausbrand. Von diesem Ladeziegel kann ich also nur dringend abraten.

Warum kann man keine billigeren Ladeziegel herstellen?

Überhaupt, wie ich schon bei meiner Nicht-Empfehlung des go-e Charger schrieb : Es ist technisch gar nicht möglich, einen wirklich billigen Ladeziegel herzustellen. Die Elektronik ist dabei nicht das Problem, sondern eher die restlichen Komponenten.

Für die Kostenkalkulation elektronischer Produkte ist folgende Regel ein guter Startpunkt: Der Nettoverkaufspreis für die schwarze Null entspricht den vierfachen Komponentenkosten. Also: Wenn ich die Kosten der einzelnen Komponenten aufsummiere und mit vier multipliziere erhalte ich die Kosten, zu denen ein Produkt hergestellt kostendeckend werden kann. Rechnen wir für den Morec-Ladeziegel rückwärts:

Was?Wieviel Euro?
Bruttopreis250
Nettopreis (19% Mehrwertsteuer)210
Komponenten (25% vom Nettopreis)53

Ein Typ 2-Kabel mit offenen Kabelenden — also das, was auf der einen Seite des Morec-Ladeziegels steckt — kostet mich gebraucht auf eBay vielleicht 45 Euro. Sie können sich also vorstellen, das dieses Gerät sehr auf die Kosten hin optimiert wurde. Schaut man sich die Anforderungen der ISO 62752 an, so glaube ich nicht, das man bei diesem Preis diese wirklich erfüllen kann. Alleine ein Relais, was bei einem Kurzschlussstrom von 1,5 kA nicht verschweißt, kann in meinen Augen nicht verbaut worden sein. Das wäre aber sehr wichtig, sonst kann man ein korrektes Abschalten im Fehlerfall nicht erwarten. Von anderen wichtigen Komponenten würde ich auch keine angemessene Qualität erwarten.

Sparen Sie nicht an der falschen Stelle

Jetzt kann man natürlich auf dem Standpunkt stehen, das die hiesigen Normen einfach zu hohe Anforderungen stellen. Im internationalen Vergleich ist das auch so — in Deutschland gelten für elektrische Geräte recht hohe Anforderungen. Das führt aber auch dazu, das es in Deutschland relativ wenig Stromunfälle oder durch Strom verursachte Brände gibt. Sie geben für Ihr Auto erheblich mehr Geld aus, als eine Lademöglichkeit kostet. Und die Lademöglichkeit wird vermutlich mehrere Autoleben lang halten. Daher: Sparen Sie nicht am falschen Ende.